Das Seil über den Graben

Nun stehe ich hier – über den Graben. Ich balanciere auf einem dünnen Seil. Vor mir sind die Hochhäuser, hinter mir das Dorf mit der Familie. Es scheint nur ein vor oder zurück zu geben. Ich halte inne. Mache die Augen zu und wünsche mir ganz fest, dass der Graben zu wächst. Wünsche mir, dass das Seil verschwindet und die Grube auch. Wünsche mir, dass ich vom Hochhaus in die Hütte laufen kann und wieder zurück. Wünsche mir, dass der Anzugsmann der alten Damen die Hand gibt. Das der alte Mann das Auto von der reichen Frau repariert. Dass der Tante Emma Laden, in der Lobby vom Hochhaus ist.
Die Augen noch immer geschlossen. Trau mich nicht, sie öffnen. Ich schaue nicht runter. Ich schaue nach vorn und höre die Schreie, das Weinen. Wie eine Schnur, die ich zertrennen muss aber nicht kann und möchte. Wie ein Bungee Seil am Rücken befestigt, schwebe ich zwischen zwei Welten, die nicht vereinbar sind – obwohl ich es mir so sehr wünsche. Ich balanciere mit den Augen zu über das Seil nach vorne. Widerstand ist spürbar. Schreie werden lauter. Ist das ein Trick? Sind diese Schreie nur Fantasie? Ja. Wem kann ich trauen, wem nicht? Auf beiden Seiten höre ich die Stimmen, die da schreien: „Komm. Komm.“ Zu unterscheiden lassen sie sich lediglich vom Schluchzen. Das weinen ist hinter mir. Ich drehe mich und das Weinen ist vor mir. Ich drehe mich erneut, da das Weinen nicht ertragbar ist. Ich halte inne.
25 Jahre bin ich, bald 26. Es wird doch Zeit, dass ich nach Vorne gehe. Beginne mein Leben zu leben. Gerade aus. Ohne Angst. Ich realisiere, stehen bleiben ist wie fallen. Augen zu nicht mehr hinnehmbar. Ich mache die Augen auf. Sehe das Ziel vor mir. Ich beginne zu laufen. Halte mir die Ohren zu, die Schreie sind nicht mehr hörbar. Ich laufe. Das Seil an meinem Rücken ist dehnbar – schon bald spüre ich es nicht mehr. Das Seil, auf dem ich laufe, wird dicker. Plötzlich wird aus dem Seil, eine Holzplanke und aus der Planke ein Stahlbalken. Ein Weg formt sich und wird zur Straße. Auf der Straße bleibe ich kurz stehen, drehe mich um und sehe, dass das Dorf nach wie vor sichtbar ist. Ich drehe mich und bin in der Stadt. Ich drehe mich um 360 Grad und blicke auf Natur, Stadt und Dorf. Alles nur einen Schritt entfernt. Ich gehe in das Hochhaus und fahre mit dem Fahrstuhl in den 100. Stock. Vor der Glasfassade halte ich Inne. Der Ausblick ist sensationell. Ich entdecke mein Geburtshaus. Ich fahre wieder herunter und in der Lobby ist ein Tante-Emma Laden, so wie ich es träumte. Eine alte Dame verkauft ihr Obst und Gemüse vom Bauern. Eine Anzugsfrau kauft sich ein Pfund Erdbeeren.
Na Endlich, ich habe das Ziel erreicht, dachte ich mir, während ich mein neues Leben genoss. Die Vögel singen und ich sitze mit Frau und Kind auf der Terrasse.

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