Leonie und das Café Theater

„Heute singen die Vögel aber eifrig.“ Leonie steht in der Küche und bereitet gerade einen frischen Ingwer Tee zu. Das Fenster ist leicht geöffnet und es zieht eine frische Sommerbriese durch ihre Wohnung. Der Himmel ist idyllisch blau und die Sonne scheint. Ein typischer Frühlingsmorgen. Die Vorhänge wehen leicht mit dem Wind und verbreitet den Weichspüler der in den Fasern steckt. „Anna; – wie geht es ihr wohl?“, sagte sie. Mit dem Griff einer Gabel rührt sie den Tee gemächlich um. Die Löffel waren aus. Leonie war es egal und verwendete oft Gegenstände die nicht dafür vorgesehen waren. Küchenmesser um Dosen auf zu schneiden, Gabeln um Kartoffeln umzurühren und Löffel um den Fisch in der Pfanne zu wenden.

Seit dem sie in ihren eigenen vier Wänden wohnt legt sie auf solche Genauigkeit keinen großen Wert. Beim Einzug fand sie absolut alles was mit der Wohnung zu tun hatte spannend. Den Duschvorhang aussuchen, Möbel aufbauen und eben auch Besteck kaufen und sortieren. Doch schnell legte sich die Freude und sie sah ein das es praktischer ist, wenn sie das benutzt was am gerade in der Nähe ist. Während sie in ihrem Tee rührte und stocherte, schaute sie aus dem Fenster hinaus. Ihre Füßen standen in der direkten Sonne auf warmen Küchenboden. Schön warm und geborgen. Als wäre sie im Bett geblieben und hätte die Decke noch über ihrem Kopf. Draußen war es schön. Einzelne Blätter, grün und saftig begannen allmählich am Baum im Innenhof zu sprießen. Eine alte Dame brachte den Müll heraus. Schritt für Schritt kämpfte sie sich mit dem Sack zum Container vor. Sie kannte die Nachbarin vom Sehen her. Eine nette Lady. Einmal benötigte sie eine Art Begleitschutz von der Wohnungstür bis zum Müllcontainer. Sie meinte, dass sie sich nicht wohl fühlte und fragte ob Leonie ihre Hand halten könnte. Solche Situation kann Leonie einfach nicht abschreiten. Die alte Frau wohnt schräg über ihr und ab und an lässt sie die Wohnungstür offen damit ihre Katze freien Auslauf hat. Katze oder Kater; – da war sich Leonie nicht sicher. Scheinbar sicher war jedoch, dass die Katze Leonie gern hatte. Jeden Montag und Donnerstag um genau 9 Uhr saß die schwarze dünne Katze vor der Wohnungstür und miaute ihr zu. Ab und zu öffnete Leonie auch die Tür. Dann stand die namenlose Katze von der Fußmatte auf und schupperte ihren Kopf gegen das Schienbein von Leonie. Anschließend marschierte sie wie selbstverständlich durch die Wohnung. Machte ihre Runde und verlies die Wohnung wieder. Leonie störte das nicht und manchmal kraulte sie der Katze den Kopf. Oft aber ignorierte sie die Katze einfach und lies sie gewähren als wäre es eine alte Freundin oder eine Mitbewohnerin.

Als Leonie von ihren Erinnerungen erwachte, war die alte Lady am Müllcontainer angekommen und beugte sich darüber. Vor lauter Schreck lies Leonie die Gabel fallen.
„Ich habe meine Verabredung mit Anna vergessen.“, sagte sie. Schnell ging sie in ihr Schlafzimmer und zog sich etwas Anderes an. Heraus aus den bequemen Sachen für zu Hause, hinein in die bequemen Klamotten für Draußen. Sie war mit einer Freundin im Café verabredet. Darauf hatte sie sich schon die ganze Woche gefreut. „Anna.“, murmelte sie.
Sie trinkt ihren Ingwer-Tee aus, packt ihren kleinen Stoffrucksack auf den Rücken und geht raus. Schnell abschließen und dann ab zur U-Bahn. Auf dem Weg zur Haustür trifft sie auf die alte Lady die immer noch nicht viel weiter gekommen war. Sie rastete auf dem Weg zurück auf der Bank im Innenhof.
„Hallo“, grüßte Leonie die alte Dame im Vorbeigehen. Doch wartete nicht auf eine Reaktion oder gar Antwort, sondern war im Hand umdrehen aus der Türe verschwunden. Mit großen, schnellen Schritt ging sie zur U-Bahn Station U9 Richtung Steglitz.

Auf den Treppen zur U-Bahn Station kamen ihr einige Leute entgegen und sie sprang die letzten Stufen hastig hinunter. Die entgegenkommende Leute auf der Treppe signalisierten ihr, dass die Bahn gerade gehalten sein muss. Daraufhin legte sie einen Zahn zu. Schnell rannte im Zig-Zag durch die Menschenmassen hindurch. Doch „Zu“. Es ist zu spät. Im Gang hallte bereits die Stimme der Fahrerin: „Zurück bleiben bitte.“ Gefolgt von dem nervenden Ton der schließenden Türen. „Naja“, sagte sie, „dann nehme ich halt die nächste Bahn in 3 Minuten.“ Entspannt lief sie den leeren Bahnsteig entlang. In der Mitte blieb sie stehen und schaute sich ein Werbeplakat an. Ein junges Mädchen lächelte in die Kamera. Daneben der Satz „Jeder braucht ein zu Hause“. Leonie starrte dem Mädchen in die Augen und versank in Gedanken. Das Mädchen auf dem Plakat begann ihre Augen zu bewegen. Sie blinzelte und juckte sich den Nasenrücken. Dann nieste sie direkt auf den Bahnsteig. Aus Reflex rief Leonie dem Mädchen im Plakat Gesundheit zu. „Danke!“, antwortete das Mädchen mit den Kulleraugen. Im Hintergrund von dem Plakat wehte der Wind durch kahle Bäume. Es waren Reihenhäuser zu sehen, die sogenannten Doppelhaus-Hälften. Die Stimmung war eher grau und bedrückend. Es waren Wolken am Himmel und es stand ein leerer Sandkasten hinter dem Mädchen. Richtig düster. Dann hob das Mädchen ihren Zeigefinger und deutete langsam auf die dick gedruckte Überschrift. Danach auf das Hilfsorganisationslogo unten auf dem Plakat. „Kannst du uns helfen?“, fragte sie. „Oder kennst du Menschen die uns helfen können?“ Leonie las nochmals die Überschrift auf die das Mädchen deutete. „Was ist passiert?“, sagte Leonie. Doch die Kleine war ruhig und blickte auf den leeren Sandkasten. Aus dem hinter ihr Haus kamen zwei Erwachsene. Während das Mädchen Leonie wieder anschaute, begannen die beiden Erwachsene hinter der Schulter des Mädchen an zu streiten.
Von weiten hörte sie ein Rauschen immer lauter werdend. Vor ihren Augen schob sich ein gelber Zug und verdeckte das Mädchen auf dem Plakat. Leonie zuckte kurz zusammen. Die Tür hielt genau vor ihren Füßen und Leute kamen hinaus. Verwirrt stieg sie in den Zug ein und ging auf die Türe gegenüber. Sie schaute durch die gläserne Bahntür auf das Plakat mit dem Mädchen. Doch das Mädchen bewegte sich nicht mehr und stand regungslos da.

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